Tagebuch 2

Tagebuchauzüge, Berichte und Gedanken

Moderator: bonny

Antworten
Wanda

Tagebuch 2

Beitrag von Wanda » 21.05.2013, 15:16

Wandas und weißer Schäferhund Miros Geschichte

Alles begann am 09.03.13 gegen 14.20 Uhr.
Meine dreijährige Tochter war glücklicherweise gerade bei der Oma und ich war im Wohnzimmer am aufräumen.
Als ich polternde Geräusche aus dem Flur hörte, Miros ehemaliger Lieblingsplatz, dachte ich im ersten Moment der träumt mal wieder und zuckt mit seinen Pfoten. Aber kurz darauf kamen mir die Geräusche irgendwie komisch vor und dann polterte auch schon die Wasserschüssel.
Als ich dann in den Flur kam lag er schon zuckend da. Mein Herz blieb stehen und ich dachte entweder hat er Gift gefressen und das wars jetzt oder er hat einen epileptischen Anfall.
Mein ganzer Hund zuckte und der Kopf schlug hoch und runter. Die Pfoten ruderten und das Maul schäumte.
Ich war innerlich im Schockzustand und versuchte logisch zu denken.
Telefon, dachte ich. Ich muss den Tierarzt anrufen.
Nein, sagte meine innere Stimme. Wenn er jetzt stirbt kannst du ihn nicht da alleine liegen lassen.
Ich habe mich dann kurz zu ihm gesetzt, aber habe schnell gemerkt dass er geistig nicht mehr hier war. Er hatte quasi das Bewusstsein verloren.
Also doch das Telefon. Da ich das vor lauter Angst um meinen Hund nicht sofort gefunden habe musste ich zweimal durch den Flur.
Der Anfall wurde immer schlimmer. Die Beine ruderten immer mehr und ich war kurz davor in Panik zu geraten.
Beim zweiten Mal auf dem Weg durch den Flur sprang Miro plötzlich fast mitten im Anfall, der allerdings schon abgeebbt war, plötzlich auf und machte unter sich.
Ich war heilfroh, dass mein Hund wieder da war. Zumindest geistig, denn mein Hund den ich kannte war er nicht mehr.
Miro sah mich an und fing an zu knurren. Das war kein Spiel-Knurren, sondern das war ernst gemeint.
Dummerweise kam, aufgeweckt durch die ganze Aufregung, mein zweiter Hund Jack. Auch den knurrte Miro sehr böse an. Ich versuchte die Aufmerksamkeit auf mich zu richten, was mir auch ganz kurz gelang und schickte Jack wieder ins Wohnzimmer. Miro lief dann jedoch hinterher und lief erstmal prompt gegen die Küche. Dann in Panik weiter aufs Sofa und an die Fensterscheibe.
Dann habe ich erstmal Jack nach oben bugsiert und hörte es unten nur Poltern.
Das war nicht mehr mein Hund. Selbst der Gesichtsausdruck war ein anderer.

Ich machte unten alle Türen auf und verbarrikadierte mich oben im Flur mit Jack. Das was da unten herum lief war für mich unberechenbar und nicht einzuschätzen. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben Angst vor einem meiner eigenen Hunde. Miro lief irgendwann nach draußen und ich schlich mich runter und schloß die Haustür.

Endlich konnte ich mein Telefon finden und rief meine Tierärtzin an. Nachdem ich ihr mit zitternder Stimme erzählt hatte was hier los ist, sagte sie ganz ruhig, dass alles auf einen epileptische Anfall hindeutet. Ich sollte ruhig bleiben und den Hund erstmal in Ruhe lassen. Er wird sich auf jeden Fall wieder beruhigen.

Da Samstag war und sie dort keine Sprechstunde hat, vereinbarte ich mit ihr, dass falls kein weiterer Anfall mehr kommen sollte, ich am Montag zum Blut abnehmen vorbei kommen soll.

Ich ließ Miro noch eine halbe Stunde im Garten. Er lief völlig rastlos auf und ab.
Im Haus hatte er ein Chaos hinterlassen. Überall war der Urin verteilt, Blumen waren von den Fensterbänken gefegt und der Flur war durch die Wasserschüssel überschwemmt. Der Geruch nach Urin war unerträglich.
Ich fing an das Chaos zu beseitigen.
Zwischenzeitlich lief Miro immer wieder zur Haustür, fiepte, kratzte und wollte rein. Ich traute mich dann doch die Tür zu öffnen. Er schaute mich zwar erst aus einiger Entfernung scheu an aber als ich ihn ansprach kam er endlich auf mich zu. Von da an wollte er nicht mehr von meiner Seite weichen. Er piepste ununterbrochen und war extrem nervös. Ich war völlig am Ende.
Nachdem mir klar wurde, dass er sich so schnell nicht mehr beruhigt gingen wir erstmal ins Feld.
Miro war wie auf der Flucht. Er rannte und rannte. Hin und her. Ich denke, ihm war klar, dass da etwas ganz furchtbares passiert war.

Wieder zuhause musste ich Miro draussen aussperren um innen das Chaos zu beseitigen. Er heulte die ganze halbe Stunde und verkratzte mir die 1 Jahr alte Haustür.
Meine Waschmaschine stand an diesem Abend nicht mehr still.
Miro versuchte ich mit einem feuchten Lappen halbwegs vom Urin zu befreien. Er stank trotzdem wie ein Jauchefass. Noch dazu war er so anhänglich wie nie.
Wer mag schon einen hechelnden, wimmernden, nach Urin stinkenden 45-Kilo Hund neben sich auf dem Sofa liegen haben?!
Da er aber nichts dafür konnte und ich vor ein paar Stunden noch dachte sein letztes Stündchen hätte geschlagen, ließ ich ihn.
Der Uringeruch war erst nach mehreren Tagen nicht mehr wahrzunehmen.

Ich ließ ihn bis Montag nicht aus den Augen und beim kleinsten Geräusch sprang ich auf. Er blieb trotz langer Spaziergänge sehr nervös und hyperaktiv.
Das ständige Gepiepe zerrte an meinen Nerven.

Am Montag bekam er dann Blut abgenommen und es stellte sich heraus, dass er einen Hefepilz in den Ohren hatte.
Nach Recherechen über Hefepilz in den Ohren stellte ich noch in der gleichen Woche sein Futter um. Der Hefepilz ist seit der Futterumstellung weg.
Ich hatte ja die leise Hoffnung, dass der Krampanfall vielleicht irgendwas mit dem Futter zu tun hatte. Leider bestätigte sich das nicht.

Das Anfalls-Profil des Blutes ergab keine organische Schäden oder sonstige Hinweise auf eine sekundäre Epilepsie. Meine Tierärztin sagte, wenn ich Glück habe war das der erste und letzte Anfall in seinem Leben. Und ich hoffte und bangte und mit jedem Tag wurde mein Herz wieder leichter. Der Alltag trat wieder ein.

Am 19.03.2013 kam ich um 15 Uhr mit meiner Tochter von ihrer Krankengymnastik. Als ich die Haustür aufschloss wusste ich sofort, dass er wieder einen Anfall hatte.
Die Wasserschüssel war wieder ungeworfen, in einer Ecke lag Schaum und Miro war extrem nervös und hyperaktiv. Das hatte mit der normalen Begrüßungsfreude nichts mehr zu tun. Wir also sofort ab ins Feld.
Und Miro war wieder wie auf der Flucht. Der krasse Gegensatz zu dem sonst so ruhigen und ausgeglichenen Hund.
Ich rief meine Tierärztin an. Leider war die im Urlaub und nur eine Ersatzärztin in der Praxis. Sie war aber sehr nett und erklärte mir alle Möglichkeiten. Sie erklärte mir, dass wenn wir nun mit Medikamenten anfangen, Miro die ein Leben lang nehmen müsste. Da ich das nicht wollte, wollte ich also erstmal abwarten. Eine folgenschwere Entscheidung wie sich im Nachhinein heraus stellte. Aber an diesem Tag blieb es zumindest ruhig.

Unser schwärzester Tag kam am 06.04.13.
Ich erwachte von einem Hin-und Hertrappeln vor meiner Schlafzimmertür. Als ich die Tür öffnete und dort Miro fiepend stand, wusste ich da stimmt was nicht. Er kommt sonst nie hoch und macht schon mal gar nicht so ein Theater.
Ich stand also auf und an seinem Verhalten merkte ich schon, dass er einen Anfall gehabt haben musste. Er piepte und lief sehr unruhig um mich herum.
Meine Tochter schlief zum Glück noch und ich schlich mich mit Miro aus dem Haus ab ins Feld.
Gegen 10.45 Uhr war ich gerade mit meiner Tochter im Badezimmer als es unten schepperte. Mein Puls war gleich auf 180. Ich dachte nur nein, bitte nicht.
Als ich von oben nach unten in den Flur guckte lag Miro schon zuckend auf der Seite. Ich ging schnell zu meiner Tochter und sagte ihr sie solle bitte im Bad bleiben. Dann lief ich schnell runter zu Miro. Der Anfall ebbte schon ab und Miro kam wieder langsam zu sich. Ich sperrte ihn erstmal im Flur ein um seine Reaktion abzuwarten. Aber er wollte unbedingt zu mir und erschien mir auch entgegen dem ersten Anfall überhaupt nicht aggresiv. Also ließ ich ihn zu mir. Er zeigte wieder die bekannte Unruhe.
Ich rief sofort meine Mutter an, und bat sie meine Tochter abzuholen. Zum Glück kam sie recht schnell, denn Miro folgte mir auf Schritt und Tritt und lief fiepend um mich herum. Er wollte sogar über die Kindersicherung zur nächsten Etage springen als ich nach oben ging um meine Tochter zu holen.
Meine Mutter kam endlich nach einer gefühlten Ewigkeit und Miro, der wieder völlig neben sich stand, Jack und ich konnten endlich ins Feld.
Die Unruhe blieb und um 18 Uhr fiel er neben mir im Garten einfach um. Das war das erste Mal, dass ich einen Anfall vom Anfang an mitbekam. Das zu sehen zeriss mir mein Herz. So hilflos zu sein und seinen Hund leiden zu sehen.

Miro hat leider immer Grand Mal Anfälle. Und bei ihm läuft das auch ganz typisch ab.
Sein Blick geht ins Leere, dann geht der Kopf nach oben und seitlich nach hinten. Der ganze Körper versteift sich und wird immer steifer und steifer. Die Beine sind ganz steif durchgestreckt und der Kopf ist auch überstreckt. Und wenn man denkt der Hund ist bis zum Anschlag versteift beginnen die Ruderbewegungen mit den Beinen und der Kopf schlägt hoch und runter. Das Maul geht auf und zu und schäumt. Die Augen sind verdreht und man sieht das weiße und die Augäpfel gehen auch hin und her. Manchmal wimmert er dabei, aber manchmal schreit er auch richtig. Das Ganze ebbt dann nach einer gefühlten Ewigkeit irgendwann ab und Miro liegt dann noch kurz auf der Seite und atmet schwer. Er will immer recht schnell wieder hoch und ist dann sehr ruhelos.

Nach dem Anfall im Garten habe ich beim Notdienst-Tierarzt angerufen da Samstag war. Er meinte ich solle mal schauen ob noch ein Anfall kommt und dann vorbei kommen oder falls nichts mehr kommt am Montag zu meiner Tierärztin.
Als dann um 19.45 Uhr der nächste Anfall kam, fuhr ich direkt nach einem kurzen Telefongespräch mit dem Notdienst-Tierarzt in die Praxis.
Dieser gab Miro dann eine Beruhigungsspritze (Vetranquil)und gab mir Luminal vet 100mg mit. Ich sollte Miro abends eine halbe Luminal geben und morgens eine halbe. Vorher hatte ich ihn noch darauf hingewiesen, dass ich gehört hatte dass das Luminal ja oft anfangs zu niedrig dosiert wird. (Hatte das im I-net gelesen).

Zuhause angekommen habe ich mir erst mal den Beipackzettel durchgelesen und auch die Dosierempfehlung. Daraufhin habe ich den Tierarzt erneut angerufen und ihm mitgeteilt, dass in dem Beipackzettel eine viel höhere Dosierung angegeben ist. Er erwiderte dass Miro ja eine Beruhigungsspritze bekommen habe und dass die Dosis schon ausreicht. Ich war sauer und wütend und erschöpft und enttäuscht. Ich fühlte mich einfach nur mit meinem kranken Hund in all der Verzweiflung alleine gelassen. An wen sollte ich mich wenden, wenn mir der Tierarzt schon nicht wirklich weiterhilft?

Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache und rief deshalb völlig verunsichert in der Tierklinik in Gießen an. Dort war natürlich auch nur die Notbesetzung. Die Ärztin riet mir dringend zu kommen. Auf Nachfrage nach den Kosten sagte sie um die 800-1000€, könnte aber auch schnell mehr werden. Da ich nicht soviel Geld habe, lehnte ich erstmal ab. Ich fühlte mich so schlecht dabei, aber woher sollte ich das ganze Geld nehmen.
Ich fragte sie auch explizit nach der Dosierung, bekam aber nur ausweichende Antworten. Sie könnte das von dort aus nicht beurteilen, aber 1 Ganze Tablette könnte ich ihm schon geben.
Sie riet mir doch nochmal bei dem TA anzurufen da dieser den Hund auch gesehen hatte.
Mir war zwar klar, dass dies nichts bringen würde aber ich tat es in meiner Hilflosigkeit trotzdem. Noch während des Gesprächs gegen 21 Uhr bekam Miro wieder einen Anfall. Diesmal musste ich einschreiten, da Miro Gefahr lief zu ersticken. Er hatte sich mit seiner Nase derart an die Fliesen an der Wand gedrückt dass er keine Luft mehr bekam.
Der TA am Telefon: Was hat er denn nun wieder? !!!
Ich konnte es nicht glauben und legte auf. Voller Verzeiflung fing ich an zu weinen. Der TA hatte absolut keine Ahnung, die Tierklinik konnte ich mir eigentlich nicht leisten und mein nach Urin stinkender Hund lief fiepend und wimmernd in der Wohnung umher. Ich war am Ende meiner körperlichen und seelischen Kräfte.
Zitternd rief ich erneut in der Tierklinik an und war völlig aufgelöst. Diesmal hatte ich einen Tierarzt am Telefon. Dieser riet mir auch dringend zu kommen. Die Kosten könnten auch geringer ausfallen. Auf mein Nachfragen riet er mir Miro 2 Tabletten Luminal, also 200mg, zu geben. Dies tat ich auch umgehend.
Ich vereinbarte mit dem Arzt, dass falls Miro noch einen Anfall haben sollte ich sofort los fahre. Ich war etwas beruhigter und hatte mich wieder gefangen.

Um 21.49 Uhr hatte Miro neben mir auf dem Sofa liegend den nächsten Anfall. Alles Grand Mal Anfälle. Mir war sofort klar, dass ich jetzt handele.
Ich packte Miro ins Auto und fuhr ich sofort in die Tierklinik.
Miro sah mittlerweile auch echt fix und fertig aus. Er war nach jedem der Anfälle im Feld weil er danach immer so nervös ist und lief ja auch sonst den ganzen Tag nur hin und her.
Auf dem Weg dahin schaute ich immer wieder in den Rückspiegel und hoffte dass ein weiterer Anfall ausbliebe. Einmal hatte Miro sich hingelegt und als ich in den Rückspiegel schaute sah ich keinen Hund mehr. Ich rief erst leise seinen Namen, dann immer lauter. Die Tränen traten in meine Augen und ich schrie seinen Namen und bremste abrupt. Da stand er auf und schaute mich aus müden Augen an. Ich war unendlich froh.

Kaum dort angekommen hatte Miro beim Gang zum Behandlungszimmer den nächsten Anfall. Glücklicherweise reagierte der Tierarzt ganz schnell und gab ihm sofort eine Tube Diazepam rektal. Miros Anfall hörte sofort auf, aber er war dann trotzdem nicht mehr wirklich ansprechbar. Ich hoffte durch das Diazepam.
Ich musste mich dann sehr schnell verabschieden von ihm, da er schnell auf die Intensivstation gebracht wurde. Dort wurde er erstmal versorgt.
Danach kam der Arzt wieder um mich die üblichen Sachen zu fragen. Miro ging es den Umständen entsprechend gut. Er war zumindest von den Vitalwerten stabil.
Ich musste dann nach Hause fahren und hoffte die Nacht würde positiv verlaufen. Mein Handy hatte ich immer griffbereit.

Gegen 7 Uhr wurde ich telefonisch informiert, dass alles okay sei und Miro die Nacht gut überstanden hätte. Er sollte vorrausichtlich bis Montag in der Klinik bleiben. Ein erstes Aufatmen.
Gegen Nachmittag erhielt ich erneut einen Anruf. Ich hatte sofort die schlimmsten Gedanken.
Aber es war etwas positives. Mein Knuddelbär hatte sich doch recht schnell erholt und war soweit stabil, dass ich ihn abholen konnte. Die TA vor Ort waren selbst sehr erstaunt über die schnelle positive Entwicklung.
Ich war einfach nur froh meinen Hund endlich wieder nach Hause holen zu dürfen.
Die Freude wurde allerdings schnell getrübt. Miro war noch sehr wackelig auf den Beinen.
Ich ging erstmal mit ihm ins Feld und ließ ihn sicherheitshalber an der Leine. Er fiel mehr als das er lief. Aber ich genoß unsere Zweisamkeit, ohne Jack und meine Tochter, in vollen Zügen. Mann hatte er uns gefehlt!
Zuhause lief er den ganzen Abend und die halbe Nacht unruhig umher. Ständig stieß er irgendwo gegen oder die Hinterhand knickte ihm weg. Er fiepte und jaulte.
Aber ich sah es auch irgendwie gelassen. Mein Hund war noch da und alles war besser als die Anfälle.

Die Tage wurden besser. Die Unruhe legte sich ganz langsam und die Hoffnung auf ein anfallsfreies Leben stieg.
Miro wurde fast wieder der freche alte "Moggi" der er früher war.
Ich behielt ihn trotzdem immer im Auge und schreckte beim kleinsten Zucken hoch.
Außerdem schlief ich nur noch unten auf dem Sofa. Sicherheitshalber. Das gibt mir momentan ein besseres Gefühl.

Dann vom 21. auf den 22. 04. gegen 0.00 Uhr, ich lag mit Miro auf dem Sofa und schaute fern, kam unerwartet wieder ein Anfall.
Glücklicherweise lag er direkt neben mir, und so nahm ich ihn in meinen Arm und redete beruhigend auf ihn ein. Vielleicht redete ich auch mehr beruhigend auf mich ein, aber der Anfall war diesmal nicht ganz so schlimm. Er dauerte kürzer und Miro krampfte nicht ganz so schlimm. Ich wollte einfach nur für ihn da sein und hoffte und betete, dass bitte kein weiterer Anfall kommen möge.
Von der Tierklinik hatte ich eine Tube Diazepam rektal mitbekommen. Ich überlegte kurz ob ich ihm diese geben sollte, aber entschied mich dagegen. Der Anfall war ja nur ein ganz kleiner. Und Miro erschien mir auch nicht ganz so unruhig.
Trotzdem hieß es erstmal raus ins Feld. Also Leuchtbänder um und Abmarsch. Jack nahm ich mit. Er gibt mir immer eine gewisse Sicherheit wenn wir nachts unterwegs sind. : )
Wir waren etwa eine halbe Stunde draussen. Miro hatte sich etwas beruhigt. Aber er fiepte immer noch sehr viel und suchte meine Nähe.
Mal lag er neben mir, dann legte er sich wieder in sein Körbchen. Ich war extrem angespannt und setzte mich vor den Fernseh um wieder etwas runter zu kommen.
Jede Minute die verstrich stieg meine Hoffnung dass nichts weiter nach kommt. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass die Chance auf einen neuen Anfall natürlich stieg. Unmittelbar direkt nach dem ersten folgte bislang nie ein zweiter.

Und es kam was kommen musste.
1.00 Uhr. Miro lag gerade 5 Minuten friedlich schlummernd in seinem Körbchen. Mein Puls hatte sich mittlerweile auch etwas beruhigt und ich wollte mich gerade hinlegen und wenigstens versuchen zu schlafen. Da kam der zweite Anfall.
Diesmal wurde es richtig schlimm. Panik kam in mir hoch. Ich hetzte in die Küche und nahm die Tube Diazepam. Dann hetzte ich zu meinem Hund der wieder einen typische GM hatte.
Er zuckte und krampfte. Das Maul war weit aufgerissen und verkrampft.
Ich versuchte seine Rute hoch zu bekommen um ihm das Diazepam zu verabreichen. Daraufhin schrie er wie verrückt und krampfte noch mehr.
Ich dachte nur, das Zeug muss irgendwie in meinen Hund. Das wird ihm helfen. Also versuchte ich es weiter und irgendwie gelang es mir auch.
Aber danach war ich total geschockt und konnte gar nichts mehr. Die Tränen liefen mir über die Backen und ich saß hilflos neben meinem Hund und hoffte der Alptraum hörte bald auf. Ich war wie ganz woanders und es kam mir vor als betrachte ich das Geschehen von einem andere Ort aus.
Ich fühlte mich so hilflos und schuldig. Ich werde dieses Schreien nie wieder vergessen! Und ich werde nie wieder versuchen meinem Hund in einem Anfall Diazepam rektal zu verabreichen!!!

Miro kam irgendwann wieder zu sich. Und ich auch.
Er war wieder extrem unruhig und in seinen Augen sah ich Schock, Enttäuschung und Erschöpfung. Ich war ja selbst von mir enttäuscht.

Ich rief sofort die Tierklinik an. Ich sollte sofort kommen.
Da ich ja noch eine kleine Tochter habe und alleinerziehend bin ist das mit dem sofort nicht so einfach. Meine Tochter schlief zum Glück friedlich.

Ich rief meine Mutter an und 10 Minuten später war sie da. Natürlich nicht ohne Vorwürfe im Gepäck. Wie oft musste ich schon hören: "Du musstest dir ja unbedingt einen zweiten Hund anschaffen". Und "Das hast du jetzt von deinem Rassehund".
Wortlos packte ich meinen Hund und fuhr los.

Miro wurde auch sofort in Empfang genommen und auf Intensiv gebracht. Der Abschied fiel wie immer schwer. Man weiß ja nie.
Aber ich wusste, dort ist er am besten bei einem dritten Anfall aufgehoben.
Und irgendwie war ein ganz kleiner Teil von mir auch erleichtert. So komisch sich das anhört, aber ich konnte ein kleines Stück der Verantwortung nun an die Tierklinik weitergeben. Und die Ärzte haben dort auch ganz andere Möglichkeiten als ich zuhause.

Ich fuhr trotzdem schweren Herzens nach Hause. An Schlaf war ja nun nicht mehr zu denken und ich lenkte mich mit Fernsehen bis zum Morgen ab und verdrückte noch das eine oder andere Tränchen.
Schließlich musste ich meine kleine Tochte wieder in den Kindergarten bringen und da sie gerade in der Eingewöhnungsphase war wollte ich mir so wenig wie möglich anmerken lassen.

Zuhause wartete ich den ganzen Vormittag ungeduldig auf den Anruf der Tierklinik. Aber mein Telefon blieb still. Ich versuchte mich mit Hausarbeit abzulenken, was mir nicht wirklich gelang. Um 11.30 Uhr hielt ich es nicht mehr aus und rief selbst an. Man werde mich zurück rufen, hieß es. Die Visite sei gerade vorbei. Diesmal war ich diejenige die unruhig umher lief.

Endlich kam der ersehnte Anruf. Miro hatte um 6 Uhr in der Früh noch einen Anfall. Dieser konnte aber mit Diazepam und Luminal unter Kontrolle gebracht werden und nun sei er stabil und könnte wieder nach Hause.

Als ich ihn abholte erkannte er mich erst auf den letzten 3 Metern. Dann war die Freude aber riesig. Ich hatte eine nette Ärztin erwischt und wir machten das Abschlussgespräch auf einer Bank im Freien. Das Wetter war heute einfach zu schön.
Miro wankte umher, war aber glücklich wieder sein Frauchen bei sich zu haben.

Die Luminal-Dosis wurde jeweils um 1/4 erhöht.
Ich bekam Rezepte für Luminal vet und Diazepam rektal.
Von dem Diazepam sollte ich ihm im Anfall eine geben und bei einem schlimmen Anfall 15 Minuten später noch eine. Bei einem schwachen Anfall 30 Minuten später.
Dann durften wir nach Hause.

Zuhause genoßen wir noch den restliche Tag das schöne Wetter. Auch wenn ich fix und fertig war und an diesem Tag mehrfach beinahe eingeschlafen wäre.

Ich holte die Sachen am nächsten Tag aus der Apotheke. Zuhause fiel mir dann auf, dass ich ein Rezept über Diazepam 10 mg bekommen hatte.
Komisch dachte ich. Ich hatte doch für Miro zuvor eine Tube Diazepam 2,5 mg mitbekommen, welche ich ihm ja auch verabreicht hatte.
Beim Blick in die Packungsbeilage durfte ich dann lesen, dass die Dosis von 2,5 mg für einen Hund von 45kg lachhaft ist. Kein Wunder, dass sie keine Wirkung gezeigt hatte.
Ich war echt sauer. Aber es war ja nun nicht mehr zu ändern. Und dass es gescheite Ärzte nicht wie Sand am Meer gibt, wusste ich ja auch schon vorher.
Ärgelich ist nur, dass ich nun nicht weiß, ob ich mit der richtigen Dosis Diazepam den ersten Anfall hätte unterbrechen können.
Wobei ich ihm das Diazepam ja erst beim zweiten Anfall gegeben habe.

Naja, jetzt stottern wir die Raten für die Tierklinik halt etwas länger ab.
Hauptsache es ist nochmal glimpflich ausgegangen. Nun wird gespart wo es nur geht und irgendwie schaffen wir das auch noch.

Die nächsten Tage waren wir alle sehr angespannt. Sogar meine Tochter wollte nicht mehr so gerne in den Kiga gehen. Auch sie merkte meine Anspannung.
Der Alltag wurde nun auf Miro eingestellt und einkaufen und sonstige auswärtigen Erledigungen mussten nun ganz schnell gehen.
Hauptsache die Hunde sind nicht zu lange alleine zuhause.
Meine Tochter tat mir sehr leid. Leider konnte ich mit ihr nun auch keine Sachen mehr unternehmen. Ich hätte ja die Hunde alleine lassen müssen.
Und oftmals fiel unser Gute-Nacht-Ritual mit Geschichten lesen und Quatsch machen und knuddeln, sehr kurz aus da Miro den Tag über sehr unruhig war und ich Angst vor einem Anfall hatte. Ich war hin und her gerissen. Wie sollte ich nur allen gerecht werden?

Nach 2 Wochen merkte ich, dass es so nicht dauerhaft weitergehen konnte.
Und ich entschied mich unser bisheriges Leben wieder etwas abgeändert aufzunehmen.
Es sollte keiner unter diesem Zustand leiden.
Ich versuche jetzt alles eben noch ein bisschen besser zu organisieren. Und jeder muss nun Rücksicht nehmen.
Ich merke auch, dass es Miro stresst wenn er alleine mit Jack bleiben muss. Aber ich kann nicht immer für ihn da sein und wenn ein Anfall kommt, dann kommt er eben. Wenn ich auf dem Zahnfleisch gehe ist auch niemandem geholfen. Und meine Hunde haben da extrem gute Antennen für wenn ich gestresst oder gereizt bin.
Jack ist (m)ein Traumhund. Er wird so sehr vernachlässigt in letzter Zeit und ist trotzdem soo geduldig. Dieser Hund ist einfach nur ein Geschenk. Und ich brauche ihn so sehr. Er ist mein Halt und meine Stütze.

Da wir ja kein Mrt oder Ct vom Kopf haben machen lassen und die Diagnose primäre Epilepsie nicht wirklich gefestigt ist, leben wir in dem Bewusstsein dass es auch mal ganz schnell vorbei sein könnte. Ich denke nicht, dass es ein Hirntumor sein könnte, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht.
Miro ist ein Bestandteil unserer Familie und er soll es auch noch gaanz lange bleiben.

09.05.2013
Der Rückschlag!
Wir wägten uns schon hoffnungsvoll in Sicherheit. Zu früh.

Diesen Abend war Miro sehr sehr unruhig und anhänglich. Als ich meine Tochter ins Bett gebracht habe kam er immer wieder hoch und heulte und piepte. Ich gab ihm frisches Wasser und etwas zu fressen. Dann ging ich wieder hoch. Trotzdem kam er immer wieder. Er kommt sonst selten hoch und bleibt während der Zeit in der ich meine Tochter ins Bett bringe (das können schon mal inkl. Gute-Nacht-Ritual 1,5 Std. werden) unten.
Dummerweise schlafe ich an diesem Abend oben bei meiner Tochter ein.

Plötzlich höre ich von unten Schreie. Ich stehe kerzengerade im Bett. Meine Tochter wacht auf und sagt: Mio! (Sie kann Miro noch nicht sagen). Ich beruhige sie ganz kurz und erkläre ihr, dass ich unten nach ihm schauen muss.

Ich weiß, dass er wieder einen Anfall hat. Es ist 5.25 Uhr mitten in der Nacht.
Als ich nach unten komme, zeigt sich mir ein üblicher GM. Ich setze mich neben Miro und beruhige ihn solange bis der Anfall vorbei ist.
Kurz danach ist er schon wieder ansprechbar und eigentlich sofort geistig wieder da.
Ich gebe ihm eine Zusatzdosis von 200mg Luminal. (Den Tipp habe ich diesem Forum zu verdanken). Er steht sofort neben mir am Kühlschrank und nimmt die Wurst als wäre nichts geschehen. Seine Augen sind ganz klar und aufmerksam. Ein gutes Zeichen.
Dann verabreiche ich ihm Diazepam rektal 10mg. Er bekommt dabei ein ganzes Wiener Würstchen und ich glaube er hat davon was ich da hinten mache gar nichts mitbekommen.
Natürlich ist er wieder sehr anhänglich. Aber ich gucke trotzdem nochmal nach meiner Tochter und hoffe er springt mir nicht über das Gitter zur Treppe. Ich höre ihn unten heulen. Zum Glück ist meine Tochter wieder eingeschlafen.
Ich ziehe mich an und wir gehen ins Feld.
Verdammt denke ich während wir durch die Dunkelheit laufen. Es sah doch so gut aus. Ich könnte heulen, aber irgendwie ist mein Reservoir an Tränen aufgebraucht.
Heute bin ich nicht ganz so nervös. Es scheint sich langsam eine Routine einzuschleichen.
Wir drehen unsere Runde und gehen wieder nach Hause.
Miro bekommt nochmal Diazepam rektal und natürlich das dazugehörige Wiener Würstchen. Unser Würstchenverbrauch hat sich verzehnfacht seit Miros Diagnose.

Miro ist nur ein bischen nervös und fiept.
Ich lege mich aufs Sofa und gucke zur Ablenkung fern. Nur dasitzen und auf den nächsten Anfall warten würde mich kirre machen.
Miro legt sich nach kurzer Zeit zu mir. Es ist manchmal schon verrückt wie ein 45 Kilo-Hund versucht in dich hinein zu kriechen. Seinen Kopf auf meiner Schulter schläft er ein. Wenigstens merke ich es so sofort, falls es wieder los geht.
Aber heute bin ich sehr ruhig und habe das Gefühl, dass es ruhig bleibt.
Die Tierklinik habe ich nicht angerufen. Die hätten mich eh wieder nur antanzen lassen. Und unser finanzielles Budget ist bis aufs Letzte ausgereizt. Trotz und mit Ratenzahlung. Es darf jetzt einfach kein Anfall mehr kommen.

Und mein Gefühl wird bestätigt. Es kommt kein Anfall mehr und Miro schläft gegen 6.30 Uhr ein. Ich eher weniger, aber Hauptsache wir haben diesen Anfall überstanden.
Den ganzen Tag über bin ich irgendwie noch angespannt.
Ich erhöhe die Dosis auf 2x2 Tabletten am Tag. Irgendwie kommt mir das richtig vor und ich habe ein gutes Gefühl dabei.
Am Abend ist die Anspannung fast weg. Denke jetzt wird hoffentlich nichts mehr kommen.
Miro ist wieder etwas wackeliger auf den Beinen und lässt die Vorderpfoten wieder schleifen. Auch ist der Appetit angestiegen und das Fiepen ist wieder da.
Aber die Hauptsache wir haben es geschafft eine Anfallserie abzuwehren.
Ich bin stolz auf uns beide und ich glaube wir sind auf dem richtigen Weg.

Die Epilepsie wird uns nun Miros Leben lang begleiten. Ich hoffe es wird ein langes sein.
Meine Tochter wird nun lernen Rücksicht zu nehmen und manchmal wird die Mama auch ganz schnell mal keine Zeit für sie haben.
Ich werde lernen müssen geduldig und gelassen zu sein.
Wir müssen alle zurück stecken, aber wenn ich dann mit allen im Feld unterwegs bin und meine kleinen und großen Monster um mich herum tollen und durch die Wiese hüpfen, dann weiß ich wofür ich all das mache und warum ich auf so vieles verzichte. Und das was wir haben, nämlich uns, kann man mit Geld nicht bezahlen.

Schokomann

Beitrag von Schokomann » 19.10.2014, 14:37

Liebe Anne,

ich habe alles gelesen und MUSS dir einfach antworten. Ich sitze und die Tränen laufen, so sehr hat mich dein Bericht berührt. Deine Liebe zu deinem Hund spricht aus jedem Wort und auch wenn unsere Geschichte lange nicht von solch schweren Anfällen begleitet ist und mein Hund nur 3 Kilo ( ja du hast richtig gelesen, auch ein klitzekleiner Chihuahua wird von dieser schrecklichen Krankheit nicht verschont) wiegt, hast du mit der Schilderung deiner Ängste mein Innerstes getroffen. Genau so wie du es schilderst fühle ich mich, wenn mein Schoko (das ist sein Name) anfängt sich mitten in dem was er tut hinzusetzen, seinen Vorderlauf hochzieht, zur Seite wegkippt und anfängt zu schäumen.
Ich drücke Miro, dir und all deinen Lieben einfach die Daumen, dass alles besser und ruhiger wird und ihr noch viel Zeit mit einander habt.

Ganz liebe Grüße

Daniela

Antworten